Kulturszene in Russland Gespalten in verschiedene Lager

Künstler haben es in Russland derzeit schwer, zumindest wenn sie sich kritisch mit der Politik der Regierung auseinandersetzen. Im Künstlerhaus Bethanien in Berlin haben sie über zivilen Ungehorsam diskutiert und ihre Möglichkeiten, die sie in dem Land eigentlich noch haben.

Von Maximilian Grosser

Das inoffizielle Russland, das der Minderheiten, der Ausgeschlossenen und Verarmten ist das Sujet von Viktoria Lomasko. In Bildgeschichten hält die Illustratorin den Alltag auf Moskaus Straßen und den der Provinz fest und wurde auch bekannt für ihre gezeichneten Gerichtsreportagen etwa zum Prozess gegen das feministische Protestkollektiv Pussy Riot. Doch Regimekritik im Stil von Graphic Novels traut sich Viktoria Lomasko kaum noch in Russland zu veröffentlichen.

„In letzter Zeit ist es unmöglich geworden, etwas zum Ukrainekrieg zu sagen, außer man lobt, dass die Krim wieder russisch ist. Ich habe gerade ein Plakat gezeichnet, das den wachsenden Faschismus in Russland kritisiert. Das kann ich nicht mal in sozialen Netzwerken zeigen. Offiziell gibt es Faschismus nur in der Ukraine, nicht in Russland. Würde ich mein Plakat veröffentlichen, könnte ich wegen nationalsozialistischer Propaganda beschuldigt werden.“

Intransparente russische Gesetze machen viele künstlerische Arbeiten inzwischen zu einer Gratwanderung. Ihre Bildideen lässt die Grafikerin Lomasko deshalb von Rechtsanwälten prüfen, bevor sie den Stift überhaupt in die Hand nimmt. Und auch weil Putins Ukrainepolitik die Gesellschaft in verfeindete Lager spaltet, wird sie immer vorsichtiger.

„Viele leben immer noch in einem imperialistischen Bewusstsein. Sie wollen noch immer Glauben, das Russland eine Weltmacht ist, das größte und beste Land der Welt ist. Sie sind sich immer noch nicht im Klaren und nicht einverstanden damit, dass die Sowjetunion zerfallen ist. Das lässt sich daran ablesen, dass viele Russen glauben, die Ukraine gehöre zu Russland. Selbst mein Vater ist der Meinung, die Ukrainer wären kein eigenständiges Volk.“

Diese feindselige Stimmung spaltet zunehmend die russische Kulturszene in ein konservatives und in ein progressives, regimekritisches Lager. Und so lautet auch der Titel eines Berliner Treffens russischer Künstler „Russland versus Russland – Kulturkonflikte“.

Nicht alle russischen Künstler erfahren die Situation allerdings so beklemmend wir Viktoria Lomasko. „Chto delat?“ heißt ein St. Petersburger Künstlerkollektiv. Mit Straßentheater, Performances und Videoinstallationen macht das Kollektiv bestehend aus Philosophen, Schriftstellern und Künstlern seit 2003 Stimmung gegen Putins Politik – auch mit ihrer aktuellen Videoarbeit „Die Ausgeschlossenen“.

Trotz Kritik für Kunstpreis nominiert

„Die Russen haben keine Identität. Oder, um genauer zu sein, nur eine Verschleierung. Fall nicht auf, nur so kannst Du überleben. Ein Gebiet endloser Konflikte, Krieg aller gegen alle – das ist die nationale Idee“ Die Videoarbeit bezieht eindeutig Stellung gegen die Verfolgung Homosexueller, in einer Einstellung taucht ein Plakat auf – sein Slogan lautet: „Russland tötet“.

„’Die Ausgeschlossenen‘ handelt von der jungen, perspektivlosen Generation, die von der Gesellschaft ausgeschlossen ist. Der Film ist sehr antirussisch, niemand kann bei uns mit dem Spruch ‚Russland tötet‘ auftreten. Und nun sind wir in der perplexen Situation, dass der Film für den russischen Staatspreis für zeitgenössische Kunst nominiert ist, mit einer guten Chance, zu gewinnen“, sagt Dmitry Vilensky, Schriftsteller und Künstler des inzwischen international in New York, Madrid und Berlin aktiven Kollektivs „Chto delat?“. Repressionen spürt „Chto delat?“ nicht, die Aufmerksamkeit für die Künstlergruppe wachse sogar.

Viele werden nicht erreicht

„Ich würde sagen, dass sich die Situation für uns in Russland zum Besseren entwickelt. Früher haben uns alle ignoriert. Früher galten wir in Russland als Freaks. Niemand interessierte sich für unsere Arbeit, weil sich keiner für Politik interessierte. Nun wächst unser Publikum, weil viele nach Möglichkeiten suchen, die Politik zu hinterfragen.“ Allerdings glaubt Dmitry Vilensky derzeit nicht mehr daran, mit regimekritischer Kunst noch viele zu erreichen. Das liege auch daran, analysiert der Moskauer Soziologe Alexander Bikbov, dass Russlands Wirtschaftskrise mittlerweile alle Lebens- und Arbeitsbereiche durchdringe.

„Der Einfluss von Künstlernetzwerken ist sehr limitiert, weil die zeitgenössische kritische Kunst nur in kleinen Galerien gezeigt wird. Sie werden von einem sehr ausgewählten Publikum besucht, die künstlerische Botschaften richtig dekodieren können. Kritische Kunst hat heute viel weniger Einfluss als noch zu Zeiten der Sowjetunion.“

An öffentlichen Häusern hingegen verschwinden künstlerische Freiräume, beobachtet Bikbov, weil die Selbstzensur auch hier immer stärker um sich greift und Kulturschaffende kaum riskantes von sich hören lassen noch sich politisch bekennen. Deshalb ist derzeit das Exil eines der beherrschenden Themen für russische Künstler in sozialen Netzwerken.

Siehe: http://www.deutschlandfunk.de/kulturszene-in-russland-gespalten-in-verschiedene-lager.691.de.html?dram:article_id=316837