Post-release Meine Straße?

Das Moskauer Straßensanierungsprogramm “Meine Straße” war für die Jahre 2015 bis 2018 geplant und wurde anschließend bis zum Jahr 2020 verlängert.  Diese langfristigen und unglaublich teuren Bauarbeiten können als die ehrgeizigsten in der Geschichte des modernen Russlands bezeichnet werden.

   

Bildquelle: varlamov.ru

Grün-weiß gestreifte Planen (Banner) stellten das Markenzeichen der Modernisierung der moskauer Straßen dar. Die Farben sollten Erneuerung, Frische und Sauberkeit symbolisieren. Aber für viele Moskauer/Innen wurden sie zu einem Sinnbild ewiger Baustellen.

Unzufriedenheit als auch Begeisterung  von Bewohner/Innen entwickelte mit der Zeit eine kulturelle Eigendynamik: Das grün-weiße Farbmuster wurde ironisch in Internet-Memen, als Stoffmuster für Kleidungsstücke und in anderen Design Produktionen zitiert. Darüber hinaus begannen viele zeitgenössische Künstler/Innen in ihren Arbeiten darüber zu reflektieren.

Allmählich ging das Programm “Meine Straße” in die Sphäre der städtischen Folklore über und wurde zu einer täglichen Agenda für die Moskauer/Innen. Jede neu blockierte Straße oder Fassade, die unter einem gestreiften Banner verschwand, unterstützte eine lebhafte Polemik über Stadtraum-Veränderung. Eine solche Situation erhöhte die Aufmerksamkeit für das städtische Milieu. Die Unfähigkeit, eine Kollision mit den Bauarbeiten physisch zu vermeiden, führte fast zwangsweise zu einer kontinuierlichen Auseinandersetzung mit der Thematik.

Diese Prozesse interessierten die Kuratorinnen als ein paradigmatisches Beispiel einer Wechselwirkung zwischen dem sozialen und physischen Raum der Stadt. Anders gesagt, fragten sich Alexandra Goloborodko und Aleksandra Yurieva-Civjane, wie das Verhältnis zwischen dem öffentliche Raum und dem öffentlichen Leben aussieht und versuchten diese Frage anhand des Moskauer Straßensanierungsprogramms “Meine Straße” mit dem Fokus auf den Kunstpraktiken zu beantworten.

Das Projekt “Meine Straße? Моя Улица?” bestand aus drei sich ergänzenden Teilen. Das waren: Die Kunstausstellung, die vom 9. Juni bis 6. Juli, im August Bebel Institut in Berlin stattfand, die Studie visueller und textueller Repräsentationen des Programms “Meine Straße” im Internet, die auch in der Ausstellung präsentiert wurde, und das theoretische Parallelprogramm.

Im Rahmen des Projektes waren die Kuratorinnen sehr froh die Arbeiten von Tanzkooperative Isadorino Gore, Julia Gvozdeva, Roman Kanashchuk, Kirill KTO, Igor Ponosov und Vladimir Stekachyov zu präsentieren  und mit dem netten Team vom August Bebel Institut zu kooperieren.

Für die Recherche haben wir Bilder und Stimmen aus den sozialen Netzwerken und Internet Medien gesammelt. Es wurden auch Präsentationen von Bauprojekten konkreter Strassen in Moskau gezeigt, die uns von den offiziellen Entwicklern des Programms – KB Strekla zur Verfügung gestellt wurden.

Obwohl das Projekt “Meine Straße? Моя Улица?” den aktuellen und sogar noch nicht vollendeten Ereignissen gewidmet wurde, ist die Frage nach dem Zusammenhang von sozialen und materiellen Raum nicht neu. Schon seit der Jahrhundertwende 1900 zeigten viele Theoretiker wie zum Beispiel Georg Simmel, Henri Lefebvre, Michel de Certeau und Pierre Bourdieu (und viele andere) auf, dass die Alltäglichkeit der Stadt in einer unvermeidlichen Verflechtung mit dem physischen Raum existiere. Sie behaupteten, dass Sozialität sich nicht in einem primären geografischen Raum entfalte, sondern erst die Voraussetzung für dessen Entstehung darstelle und umgekehrt. Somit war die Stadt kein passiver materieller Container mehr, in dem das Leben einer bestimmten Gruppe von Menschen stattfindet, sondern ein aktiver sozio-physischer Raum ununterbrochener Interaktion und gegenseitiger Transformation.

Ein anschauliches Beispiel vom Ausdruck der Sozialität und der Ideologie im Stadtraum in Russland – sind Prinzipien der Konstruktion des öffentlichen Raumes und architektonischen Trends in den verschiedenen Phasen der Sowjetunion. Die Stadt war nicht nur ein Ort zum Leben, sondern auch ein Raum, der die neuen Grundsätze und Modelle der Existenz, wie Sozialismus und Kollektivismus ermöglichte und stärkte. In der UdSSR wurde oft das Wort “Lebensbau” verwendet. In ihrem Artikel “Öffentliche Räume in Stadtplanungskonzepten der sowjetischen Periode” behauptet Julia Kosenkova, dass “Die Stadt eines neuen Typs, die aus den `Haus-Gemeinden` bestand, war als ein einheitlicher öffentlicher Raum zu denken […] Bildung einer vollkommenen Persönlichkeit, Organisation menschlicher Kommunikation mithilfe der neuen urbanen Räume – das waren die wahren Ziele von städtischen Projekten dieser Zeit (1920-1930 Anm. d. Verf. ) ” (Kolesnikova 2014, 93).

In Europa ist das bekannteste Beispiel eines solchen Zusammenhangs – die Modernisierung von Paris in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die den Namen  Haussmannisierung erhielt und während des zweiten Reiches von Napoleon III unter der Leitung von Baron Georges Eugene Haussmann durchgeführt wurde. Im Essay “Paris, die Hauptstadt des XIX. Jahrhunderts.” hebt Walter Benjamin drei Voraussetzungen für Baron Haussmann städtebauliche Arbeiten hervor. Wirtschaftliche – Schaffung günstiger Bedingungen für das finanzielle Kapital, technische – neue technische Möglichkeiten des 19. Jahrhunderts, die immer noch durch die künstlerische Mittel legitimiert werden müssten, und politische – die Stadt soll gegen die Bürgerkriege geschützt und jede Rebellion erschwert werden (Benjamin, 2000, 164-165).

Diese Beispiele veranschaulichen, dass die Veränderungen in der Materialität der Stadt immer mit den sozialpolitischen und kulturellen Ursachen und Konsequenzen einhergehen.

Im Rahmen des Projektes “Meine Straße? Моя Улица?” haben die Kuratorinnen sowohl die offizielle Baupläne und Konzepte für den öffentlichen Raum als auch die gesellschaftliche Reaktion darauf und deren künstlerische Interpretation untersucht. Somit haben sie versucht, die Besucher/Innen in ein kritisches Nachdenken über die Herausforderungen, die uns eine sich schnell ändernde moderne Metropole stellt, einzubeziehen und einige neue Perspektive auf die Wahrnehmung und Interaktion mit dem urbanem Milieu zu eröffnen.

Text: Aleksandra Yurieva-Civjane

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Kunstausstellung

  

 Sa 9. Juni bis Fr 6. Juli 2018:

mit Werken der Künstlerinnen und Künstler Tanzkooperative Isadorino Gore, Julia Gvozdeva, Roman Kanashchuk, Kirill KTO, Igor Ponosov und Vladimir Stekachyov

Begleitprogramm

 Sa 9. Juni, 19–21 Uhr
 Vernissage:

mit einer Buchvorstellung der Publikation »Reclaim, Recode, Reinvent – Urban Art and Activism in Eastern Europe«.

Mit: Alexandra Goloborodko und Aleksandra Yurieva-Civjane (International Cultural Project BUTTERBROT, Kuratorinnen), Ingo Siebert (Stadtsoziologe)

 So 10. Juni, 15–17 Uhr
 Kuratorinnenführung

Mit: Alexandra Goloborodko und Aleksandra Yurieva-Civjane (International Cultural Project BUTTERBROT, Kuratorinnen)

 

 Do 28. Juni, 19–21 Uhr
 Moskau: Von der sozialistischen zur neoliberalen Stadt

Moskau ist eine Metropole im Wandel. Ungebremst von privaten Kapitalinteressen getrieben und wenig transparent entwickelte sich die Stadt unter der Ägide von Bürgermeister Juri Luzhkov von 1992 bis 2010. Unter dem neuen Amtsinhaber Sergej Sobjanin scheint sich eine demokratischere Planungskultur zu entwickeln. Kritiker*innen sprechen allerdings von »Hipster-Stalinismus« und einer Schein-Beteiligung, welche die Gentrifizierung der Innenstadt vorantreibt. Daniela Zupan und Mirjam Büdenbender haben zahlreiche Interviews geführt und leuchten die Dynamiken und Interessenlagen aus.

Mit: Daniela Zupan (Stadtforscherin) und Mirjam Büdenbender (Politische Ökonomin)

Moderation: Ingo Siebert (Stadtsoziologe)

 Do 5. Juli 2018, 19-21 Uhr
 Post-sozialistische Städte: Street-scapes, Kunst und Aktivismus

Vorträge von Dr. Eszter Gantner und Matthias Einhoff mit anschließender Diskussion

Eingezäunt, abgebaut und umbenannt: die Diskurse über den Umgang mit öffentlichen urbanen Räumen – darunter Straßen – begleiten die Transformation postsozialistischer Städte seit den 1990er Jahren. Vielerorts fehlt ein politischer und gesellschaftlicher Konsens über deren Nutzung. Zahlreiche Fragen sind noch immer offen: Was soll mit dem sozialistischen Erbe geschehen? Wie sieht das Verhältnis zwischen den öffentlichen Räumen und dem öffentlichen Leben aus? Diesen und weiteren Überlegungen geht Dr. Eszter Gantner in ihrem Vortrag zum Thema „Post-sozialistische Street-scapes“ nach.

Matthias Einhoff zeigt in seinem Vortrag „Kunst und Aktivismus in post-sozialistischen Räumen“ Wege zur Reflexion der Geschichte, Gegenwart und Zukunft und zitiert Beispiele aus Uljanovsk (Russland), auf dem ehemaligen Mauerstreifen in Berlin sowie von Aktivitäten von Kulturschaffenden in Kaunas, Lublin und am Haus der Statistik in Berlin.

Mit: Dr. Eszter Gantner (Herder Institut und TACT/GSZ, HU Berlin) und Matthias Einhoff (Künstler, Co-Direktor des Zentrum für Kunst und Urbanistik ZK/U)