Meine Straße? Моя Улица?

09.Juni – 06.Juli.2018 / in August Bebel Institut, Berlin

Eine kuratorische Recherche von Alexandra Goloborodko

und Aleksandra Yurieva-Civjane

Im Rahmen des Projektes „Meine Straße? Моя Улица?” untersuchten die Kuratorinnen sowohl offizielle Baupläne und Konzepte für den öffentlichen Raum, als auch die gesellschaftliche Reaktion darauf und deren künstlerische Interpretation. Ihr Ziel war es, die Besucher*innen in ein kritisches Nachdenken über die Herausforderungen, die eine sich schnell verändernde moderne Metropole an uns stellt, einzubeziehen und neue Perspektiven auf die Wahrnehmung und Interaktion mit dem urbanen Milieu zu eröffnen.

Das Moskauer Straßensanierungsprogramm „Meine Straße” war für die Jahre 2015 bis 2018 geplant und wurde anschließend bis zum Jahr 2020 verlängert. Diese langfristigen und überaus kostspieligen Bauarbeiten können als die ehrgeizigsten in der Geschichte des modernen Russland bezeichnet werden. Die grün-weiß gestreiften Planen (Banner) stellten das Markenzeichen der Modernisierung der Moskauer Straßen dar. Die Farben sollten Erneuerung, Frische und Sauberkeit symbolisieren, wurden aber für viele Moskauer*innen zu einem Sinnbild ewiger Baustelle. 

Die Unzufriedenheit als auch Begeisterung der  Stadtbewohner*innen entwickelte mit der Zeit eine kulturelle Eigendynamik. Das grün-weiße Farbmuster wurde ironisch in Internet-Memes, als Stoffmuster für Kleidungsstücke und in anderen Designproduktionen zitiert. Darüber hinaus begannen auch Künstler*innen darüber zu reflektieren. Allmählich ging das Programm „Meine Straße” in die Sphäre der städtischen Folklore über und gehörte zur täglichen Agenda der Städter*innen. Jede neu blockierte Straße oder Fassade, die unter einem gestreiften Banner verschwand, unterstützte eine lebhafte Polemik über Stadtraum-Veränderungen. Eine solche Situation erhöhte die Aufmerksamkeit für das städtische Milieu. Die Unfähigkeit, eine Kollision mit den Bauarbeiten physisch zu vermeiden, führte fast zwangsweise zu einer kontinuierlichen Auseinandersetzung damit.

Diese Prozesse interessierten Alexandra Goloborodko und Aleksandra Yurieva-Civjane als ein paradigmatisches Beispiel einer Wechselwirkung zwischen dem sozialen und physischen Raum der Stadt. Anders gesagt, fragten sie sich: Wie sieht das Verhältnis zwischen dem öffentlichen Raum und dem öffentlichen Leben aus und wie nutzen Künstler*innen dieses Aktionsfeld? Die Kuratorinnen versuchten, diese Fragen anhand des Moskauer Straßensanierungsprogramms „Meine Straße” mit dem Fokus auf Kunstprojekte zu beantworten.

Das Projekt „Meine Straße? Моя Улица?” bestand aus drei sich ergänzenden Teilen. Diese waren: Eine Kunstausstellung, die vom 9. Juni bis zum 6. Juli 2018, im August Bebel Institut in Berlin stattfand, die Recherche visueller und textueller Repräsentationen des Programms „Meine Straße” im Internet, die auch in der Ausstellung präsentiert wurde, und ein Rahmenprogramm mit Gesprächen und Vorträgen.

Die Kuratorinnen waren sehr erfreut, im Rahmen der Ausstellung Kunstprojekte von Tanzkooperative Isadorino Gore, Julia Gvozdeva, Roman Kanashchuk, Kirill KTO, Igor Ponosov und Vladimir Stekachyov präsentieren zu können. 

Für die Recherche sammelten Alexandra Goloborodko und Aleksandra Yurieva-Civjane Bilder und Stimmen aus den sozialen Netzwerken und Internet-Memes. Es wurden auch konkrete Beispiele von Moskauer Straßenbauprojekten gezeigt, die die offiziellen Entwickler*innen des Programms „KB Strekla” zur Verfügung stellten. Dabei wurde den rationalen und technokratischen Raumrepräsentation eine unwissenschaftliche, beinahe naive Weise der Datenerhebung entgegengesetzt. Angestrebt war eine für eine Recherche ungewöhnliche Präsentationsform, die eine materielle und greifbare Übersetzung des virtuellen und imaginativen Stadtraumes ermöglichte. 

Neben den Kuratorinnenführungen bot das ergänzende Veranstaltungsprogramm Vorträge von eingeladenen Expert*innen. Im Anschluss an die Veranstaltungen fanden Gespräche mit dem Publikum statt, die der Stadtsoziologe Ingo Siebert moderierte.

Die Stadtforscherin Daniela Zupan und die politische Ökonomin Mirjam Büdenbender hielten den Vortrag „Moskau: Von der sozialistischen zur neoliberalen Stadt”. Die Wissenschaftlerinnen gingen auf die Transformationen der Stadt in den Jahren von 1992 bis 2010 ein und zeigten auf, wie sich Moskau unter der Regierung von Bürgermeister Juri Luzhkov in den 90er Jahren entwickelt hatte; nämlich ungebremst getrieben von privaten Kapitalinteressen und wenig transparent. Außerdem zeigten sie, wie sich die Stadt aktuell unter dem neuen Amtsinhaber Sergej Sobjanin scheinbar demokratisch weiter verändert. Die neue, auf den ersten Blick partizipative, Planungskultur wird von Kritiker*innen, so Zupan und Büdenbender, allerdings als „Hipster-Stalinismus” bezeichnet, der die Gentrifizierung der Innenstadt vorantreibt.

Unter dem Titel „Postsozialistische Städte: Streetscapes, Kunst und Aktivismus” standen die Vorträge von Dr. Eszter Gantner und Matthias Einhoff. 

Die Wissenschaftlerin Dr. Eszter Gantner setzte sich mit der Transformation postsozialistischer Städte auseinander. Das Zusammenwirken von Politik und Gesellschaft in Fragen der Nutzung von öffentlichen Räumen und das Schicksal des sozialistischen Erbes – das sind einige Gesichtspunkte, denen Dr. Gantner in ihrem Vortrag zum Thema „Postsozialistische Streetscapes“ nachging.

Matthias Einhoff zeigte in seinem Vortrag „Kunst und Aktivismus in postsozialistischen Räumen“ Wege zur Reflexion von Geschichte, Gegenwart und Zukunft auf und präsentierte Fallbeispiele aus Uljanovsk (Russland), vom ehemaligen Mauerstreifen in Berlin, sowie von Aktivitäten Kulturschaffender in Kaunas (LT), Lublin (PL) und Berlin im Haus der Statistik.